De liber ation

De liber ation

Es waren die wärmsten Strahlen seit Wochen. Die Luft hatte sich mild und sanftmütig in den Juli eingeflochten und genoss dessen behutsam ausgefaltetes Kleid aus feingewebtem Blütenduft, anschmiegsamen Sommerrauschen und wellig flatternden Bienen. Die Chöre der zirpenden Grillen und der feurigen Flamenco, den die im Wind wiegenden Gräser auf den mürben Boden legten, ließ mich den Tag noch intensiver wahrnehmen. Fein dekorierte Gedanken hielten mich an Ort und Stelle – gaben sich der Immersion hin. Die grauen Wolken der Vernunft wurden vom Wind der Wirklichkeit fortgetragen und wichen dadurch dem Schabernack und Unfug. Ich öffnete das Kabinett der Virtuosität in meinem Kopf und fand direkt ein spektakuläres Imaginarium. Meine Fantasie setzte mir ohne zu zögern meinen eingestaubten Cowboyhut auf und ritt mit mir durch die ausgedorrten Felder der heranwachsenden Adoleszenz. Sie überschüttete mich mit Myriaden an Zuckerwattefäden, schokoladigen Schneeflocken und forderte mich zu imaginären Schwertkämpfen heraus. Wir pflückten die Blumen der geistigen Unabhängigkeit und ließen dabei keine Restriktionen zu, keine Limits, die wir nicht versuchten zu durchbrechen und gekonnt zu umsegeln. Ein stiller Windhauch wurde zum Atem einer brüllenden Riesenechse, meine Schwester zur eloquenten Radiomoderatorin Efi Stinksocke und ich selbst zum über mich hinauswachsenden, realitätsnahen Stargast. Jeder Tag brachte neue Geschichten, neue Charaktere und auch neue Restriktionen hervor, die es zu erklimmen gab. Verheißungsvoll thronten wir auf der Kartonagenburg und schwangen das Kugelschreiberzepter…

Ich blickte nochmal auf das Bild, das mich soeben auf diese Reise geschickt hatte. Ich, vor vielen Jahren auf einer Wiese am Rande unseres Dorfes stehend. Mein Imaginarium an meiner Seite. Normalerweise spielten wir an diesem Ort gerne Verstecken, weil wir uns am liebsten im Schatten aufgehalten haben. Schön im Hintergrund, damit man Probleme hatte uns zu sehen. An diesem Tag war es aber anders. Die hohen Bäume um mich waren bereit uns anzugreifen – brüllend, keifend. Wir waren bereit gegen sie zu kämpfen und das Dorf von den blau-schimmernden Dinosauriern zu befreien, auch wenn es bedeutete, dass ich meinen geliebten Cowboyhut abziehen musste.

Schattenplätzchen I

Schattenplätzchen I

Verästelte Wirrungen

Verästelte Wirrungen